📄

Bildung der Wintertraube auf den Rähmchen – Biologie, Mechanismen und Imkerei-Praxis

Die Bildung der Wintertraube ist ein entscheidender Anpassungsmechanismus der Honigbiene, der es der Kolonie ermöglicht, unter ungünstigen thermischen Bedingungen durch kollektive Thermoregulation zu überleben. Im Gegensatz zu vielen anderen Insekten fallen Bienen nicht in einen Lethargieschlaf, sondern bleiben aktiv und halten im Inneren des Clusters die zum Überleben notwendige Temperatur aufrecht, wobei sie die gesammelten Honigvorräte als Brennstoff nutzen.

Biologische und physikalische Grundlagen der Traubenbildung

Der Prozess der Traubenbildung ist eng mit der Umgebungstemperatur korreliert. Erste Anzeichen einer Clusterbildung in den Stöcken werden beobachtet, wenn die Außentemperatur unter 12–13 °C fällt. Bei einem weiteren Abfall auf +7 °C bis +8 °C ist die Traube vollständig geformt und kompakt.

Die Struktur der Wintertraube ähnelt einem Ellipsoid oder einer abgeflachten Kugel, die durch die Waben in Schichten unterteilt ist. Man kann darin zwei Hauptzonen unterscheiden:

  1. Hülle (Schale): Die äußere Schicht besteht aus dicht gepackten, wenig aktiven Bienen, deren Aufgabe die Wärmeisolierung ist. Die Dicke dieser Schicht variiert zwischen 2 und 10 cm und hängt von der Außentemperatur ab – je kälter es ist, desto dicker und dichter wird die Hülle. Die Bienen in dieser Zone stecken die Köpfe in die röhrenförmigen Zellen der Wabe, was die Dichte der Traube zusätzlich erhöht.
  2. Kern (Zentrum): Im Inneren der Traube sind die Bienen lockerer angeordnet, was ihnen Bewegungsaktivität erlaubt. Hier wird Wärme durch Mikrovibrationen der Brustmuskulatur erzeugt.

Die Temperatur im Inneren der Traube ist nicht konstant und unterliegt Schwankungen. In der ersten Hälfte der Überwinterung, wenn keine Brut vorhanden ist, schwankt die Temperatur im Zentrum zwischen 14 °C und 25 °C. Der kritische Punkt liegt bei etwa 14 °C – wenn die Temperatur auf diesen Wert fällt, steigern die Bienen im Kern ihren Stoffwechsel und erzeugen einen sogenannten Temperatursprung auf etwa 25 °C, worauf eine Phase des langsamen Abkühlens folgt.

Lage der Traube auf den Rähmchen

Der natürliche Ort der Traubenbildung hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Flugloch und Belüftung: Bienen wählen instinktiv einen Platz gegenüber dem Flugloch, wo ihnen eine Versorgung mit sauerstoffreichem Frischluft gewährleistet ist.
  • Letzte Brut: Die Traube bildet sich am häufigsten an jenen Teilen der Waben, aus denen die letzte Herbstbrut geschlüpft ist.
  • Qualität der Waben: Bevorzugt werden dunkelbraune, „warme” Waben, in denen bereits mehrere Generationen von Bienen aufgezogen wurden, da sie bessere Isoliereigenschaften als frisches Mittelwand haben.
  • Sonnenlage: In Stöcken mit dünneren Wänden kann sich die Traube in Richtung der Südwand des Stocks verlagern, die von der Sonne erwärmt wird.

Dynamik der Traube während der Überwinterung

Die Wintertraube ist nicht statisch. Die Bienen verschieben sich ständig von der Oberfläche ins Innere und wechseln dabei die Rollen von Isolatoren und Heizern. Der gesamte Cluster bewegt sich auf den Waben den verbrauchten Vorräten nach. Die Standardbewegungsrichtung ist von unten nach oben und nach Erreichen der Oberleisten der Rähmchen – von vorne nach hinten im Stock.

Von entscheidender Bedeutung ist die Kontinuität der Vorräte. Die Bienen können auf benachbarte Rähmchen übergehen, nur wenn die Außentemperatur über 0 °C steigt. Bei Frost können die Bienen, wenn sie auf leere Zellen in dem Rähmchen stoßen, auf dem sie sitzen, verhungern, auch wenn sich daneben volle Rähmchen befinden.

Praktische Anleitung zur Vorbereitung des Brutnestes (Wie, Was und Warum)

Die richtige Anordnung der Rähmchen im Herbst bestimmt den Erfolg der Überwinterung. Im Folgenden sind die Schritte aufgeführt, die für eine optimale Traubenbildung erforderlich sind:

Schritt 1: Herbstliche Durchsicht und Auswahl der Rähmchen (August/September)

  • Was: Aus dem Brutnest müssen alte (schwarze), beschädigte sowie zu helle (jungfräuliche) Rähmchen entfernt werden, die die Wärme schlecht halten.
  • Warum: Bienen überwintern am besten auf dunkelbraunen Rähmchen, die die thermische Stabilität der Traube gewährleisten.

Schritt 2: Anpassung der Nestgröße an die Volksstärke

  • Wie: Es werden so viele Rähmchen belassen, wie die Bienen dicht besetzt halten. Für ein durchschnittliches Volk sind das in der Regel 7–8 Rähmchen, für ein starkes 9–10.
  • Warum: Ein zu großes Brutnest führt zur Auskühlung der Seitenrähmchen, zur Kondensation von Wasserdampf und zum Schimmeln der Vorräte.

Schritt 3: Verteilung der Vorräte (Nestanordnung) Es gibt zwei Hauptmodelle der Vorrätsanordnung:

  1. Beidseitige Anordnung (Bartform): Die vollsten Rähmchen (3,5–4 kg Honig) werden an den Rändern platziert, die leichteren Rähmchen (ca. 2 kg) in der Mitte, gegenüber dem Flugloch. Dies schafft ein natürliches „Bett” für die Traube in der Mitte.
  2. Einseitige Anordnung (Winkelform): Das schwerste Rähmchen kommt an eine der Wände (z. B. die Südwand), und die nachfolgenden Rähmchen haben stufenweise immer weniger Honig.
  • Kritischer Grundsatz: Jedes im Brutnest verbleibende Rähmchen muss mindestens 2 kg Honig enthalten.

Schritt 4: Sicherstellung des Zugangs zu Pollen

  • Was: Rähmchen mit Pollen sollten sich nicht im Mittelpunkt der künftigen Traube befinden, sondern neben den Rähmchen mit Kohlenhydratvorräten.
  • Warum: Reiner Pollen im Traubenzentrum kann als Isolator wirken, der den Cluster in zwei Teile trennt, was zur Schwächung des Volkes führt.

Schritt 5: Letzte Fütterung und Auffüllung von Mängeln

  • Wann: Die Fütterung muss bis Mitte September (spätestens bis zum 10.–20. September) abgeschlossen sein, damit die jungen Winterbienen nicht durch die Verarbeitung des Sirups erschöpft werden.
  • Norm: Auf jedes von Bienen besetzte Rähmchen sollten 2–2,5 kg Vorräte entfallen (insgesamt 18–25 kg pro Volk).

Zusammenfassung für den Praktiker

Die sukzessive Bildung der Wintertraube ist ein autonomer Prozess der Bienenfamilie, doch die Rolle des Imkers besteht darin, die optimale „Bühne” für dieses Phänomen zu schaffen. Der Schlüssel liegt im engen Brutnest, reichlichen und qualitativ hochwertigen Vorräten (frei von Honigtauhonig, der Durchfall verursacht) und der Gewährleistung von Ruhe. Denken wir daran, dass Fehler beim Anordnen der Rähmchen im September im Januar oder Februar kaum noch zu beheben sind, ohne das Volk dem Tod durch Auskühlung auszusetzen.