Kunst und Wissenschaft der Königinnenzucht
Die Zucht von Bienenköniginnen ist die Königsdisziplin der Imkerei und ermöglicht die bewusste Gestaltung von Nutzmerkmalen der Bienen wie Honigertrag, Sanftmut oder Winterhärte. Der Erfolg in diesem Bereich erfordert die strikte Einhaltung von Zeitplänen sowie die Sicherstellung idealer Ernährungsbedingungen für die sich entwickelnden Königinnenlarven.
1. Biologische Grundlagen der Königinnenentwicklung
Das Verständnis der Entwicklungschronologie ist entscheidend für die Termintreue bei der Zuchtarbeit. Die Entwicklung einer Bienenkönigin dauert 16 Tage und umfasst folgende Stadien:
- Ei: 3 Tage.
- Larve: 5 Tage (in dieser Zeit wird sie intensiv mit Gelee Royale gefüttert).
- Vorpuppe und Puppe: 8 Tage (in diesem Stadium ist die Weiselzelle verdeckelt).
Der entscheidende Faktor für die Qualität der Königin ist das Gelee Royale. Königinnenlarven müssen von der ersten Sekunde ihres Lebens an buchstäblich in Gelee Royale „gebadet” werden, was ihre vollständige Entwicklung des Fortpflanzungssystems sicherstellt (die Zahl der Eiröhren bei herausragenden Königinnen beträgt 300–400).
2. Auswahl des Zuchtmaterials (Wahl der Zuchtfamilie)
Nicht jede Familie eignet sich zur Vermehrung. Empfohlen wird die sogenannte Massenauslese auf Basis harter Daten:
- Gruppe I (Elite): Die besten 10–15 % der Völker im Bienenstand. Sie müssen einen Honigertrag von 1,5–2-mal über dem Standesdurchschnitt aufweisen, hervorragend überwintern und seuchenfrei sein.
- Gruppe II (Gebrauchsklasse): Völker mit durchschnittlichen Parametern.
- Gruppe III (Ausmerze): Die schwächsten Einheiten, bei denen ein Königinnenwechsel vorgenommen werden muss.
3. Technik der künstlichen Zucht
Die effektivste Methode ist die Zucht mit Umlarvung.
Schritt 1: Vorbereitung der Zuchtfamilie (Starter)
Diese Familie muss sich in einem Zustand des „biologischen Gedränges” und der Weisellosigkeit befinden.
- Aus einer starken Familie werden die Königin und die gesamte offene Brut entnommen. Nach 3–6 Stunden spüren die Bienen starke Weisellosigkeit und sind bereit, Larven anzunehmen.
- Die Familie muss mindestens 10–12 Normalrähmchen besetzen und reiche Pollenvorräte haben.
Schritt 2: Umlarvung (Grafting)
- In künstliche Weiselzellennäpfchen (aus Wachs oder Kunststoff) werden Arbeiterinnenlarven im Alter von unter 1 Tag (idealerweise 12–24 Stunden) umgelarvet.
- Wichtig: Die Larve darf nicht austrocknen; sie muss zusammen mit einem Tröpfchen Gelee Royale mit einer speziellen Zuchtnadel umgesetzt werden.
Schritt 3: Pflege der Weiselzellen (Finisher)
Nach Annahme der Larven im Starter (in der Regel nach 24 Std.) kann der Zuchtrahmen in den „Finisher” – eine starke Familie mit durch Absperrgitter getrennter Königin – überführt werden, der für die entsprechende Temperatur (34–35 °C) und Fütterung sorgt.
- Zufütterung: Während der Zucht sollte der Familie täglich 0,5 l Sirup (1:1) verabreicht werden, was die Gelee-Royale-Produktion anregt.
Schritt 4: Isolierung und Schlüpfen
Am 14. Tag nach der Eiablage (10. Tag nach der Umlarvung) müssen die Weiselzellen in Schutzrollen gesichert werden, damit die erste geschlüpfte Königin die übrigen nicht zerstört.
4. Begattung und Qualitätsbewertung
Die junge Königin (sog. „Eintäger”) sollte in Begattungskästchen (Nuclei) mit einer Bienenmasse von ca. 100 g eingeweiselt werden.
- Begattungsflüge: Finden zwischen dem 5. und 15. Lebenstag der Königin statt, bei Temperaturen über 20 °C und windstillem Wetter.
- Mehrfachbegattung: Die Königin paart sich durchschnittlich mit 7–10 Drohnen, was die genetische Vielfalt der Nachkommenschaft und die Stabilität des Volkes sicherstellt.
Zusammenfassung
| Entwicklungszeit der Königin | 16 Tage |
| Alter der Larve zur Umlarvung | < 24 Stunden (idealerweise 12 Std.) |
| Temperatur im Zuchtbrutraum | 34 – 35 °C |
| Anzahl der Eiröhren (Qualität) | 300 – 400 Stück |
| Beginn der Eiablage | 10 – 15 Tage nach dem Schlüpfen |
Warum lohnt es sich? Die eigene Zucht bedeutet Unabhängigkeit des Bienenstandes und die Garantie höchster biologischer Qualität der Königinnen.