Die Geheimnisse des Schwarmtriebs: Warum verlassen Bienen den Stock?
Der biologische Sinn des Schwärmens
Das Schwärmen ist die natürliche Art der Vermehrung von Bienenvölkern, die im Laufe der Evolution programmiert wurde, um das Überleben der Art zu sichern. Während eine einzelne Biene nicht eigenständig leben kann, strebt das Volk als “Superorganismus” nach Teilung, wenn es den Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht hat. Dieser Prozess findet in der Regel in der Zeit von Ende Mai bis Anfang Juni statt, nachdem die ersten starken Trachten (z.B. im Mai) beendet sind und sich im Stock eine große Anzahl junger, noch nicht mit Arbeit belasteter Bienen angesammelt hat.
Die chemische Bremse: Die Königinnen-Substanz
Der Schlüssel zum Zusammenhalt des Volkes ist die Königinnen-Substanz, die hauptsächlich von den Mandibeldrüsen der Königin produziert wird. Der Hauptbestandteil dieses Pheromons ist 9-Oxodec-2-ensäure.
- Wirkung: Sie hemmt die Entwicklung der Ovarien bei Arbeiterinnen und hindert sie am Bau von Schwarmzellen.
- Verteilung: Die sogenannten Hofstaat-Bienen lecken diese Substanz vom Körper der Königin ab und geben sie sich gegenseitig bei der Fütterung weiter.
- Mangel: Wenn die Königin altert, erkrankt oder das Volk zu groß wird, sinkt die Menge des Pheromons pro Arbeiterin. Bereits 5–6 Stunden nach dem Verschwinden der Substanz “bemerken” die Bienen deren Fehlen und beginnen mit dem Bau von Weiselzellen.
Auslösende Faktoren für die Schwarmstimmung
Der Schwarmtrieb wird durch ein Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren ausgelöst:
- Überfüllung und Platzmangel (Enge): Fehlende freie Zellen für die Eiablage schränken die Legeleistung der Königin ein.
- Schlechte Belüftung (Schwüle): Hohe Temperaturen und erhöhte CO2-Konzentrationen (bis zu 8,3%) provozieren die Bienen, Trauben unter dem Stock zu bilden (sog. Bärte).
- Überschuss an Gelée Royale: Wenn es im Stock mehr Ammenbienen als Brut gibt, die gefüttert werden muss, verändert der Überschuss an produziertem Futtersaft ihren physiologischen Zustand und stimuliert den Trieb.
- Trachtlücke: Eine Pause im Nektarzufluss (z.B. zwischen der Obstblüte und der Himbeerblüte) begünstigt Untätigkeit und Schwarmstimmung.
Die Mechanik des Schwarmauszugs – Ablauf Schritt für Schritt
Schritt 1: Vorbereitung (Phase der Weiselbecher) Die Bienen bauen am Rand der Waben Weiselbecher, in die die Königin Eier legt. In starken Völkern der Kaukasischen Biene werden bis zu 10 Stück gebaut, bei anderen Rassen deutlich mehr.
Schritt 2: Diät der Königin und Abmagerung Die Arbeiterinnen hören auf, die Königin mit Futtersaft zu füttern, und zwingen sie so, Honig zu fressen. Dadurch reduziert die Königin die Eiablage, ihre Ovarien schrumpfen und ihr Körpergewicht sinkt so weit, dass sie ihre Flugfähigkeit wiedererlangt.
Schritt 3: Arbeit der Kundschafterinnen Noch vor dem Auszug des Schwarms suchen Kundschafterbienen nach einer neuen Behausung. Sie bewerten potenzielle Baumhöhlen hinsichtlich Windschutz, Geruch und Entfernung (zu nahe gelegene drohen Nahrungskonkurrenz).
Schritt 4: Schwarmauszug (Vorschwarm) Der erste Schwarm (der sog. Vorschwarm) mit der alten Königin zieht in der Regel am 9. Tag nach der Eiablage in die Weiselbecher aus (nach der Verdeckelung der ersten Weiselzelle).
- Zeit: Meist zwischen 10:00 und 13:00 Uhr an einem sonnigen Tag.
- Signal: Die Kundschafterinnen führen spezifische Bewegungen aus und geben Laute von sich, woraufhin die Bienen mit der massenhaften Füllung ihrer Honigblasen reagieren (Vorrat für ca. 3 Tage Flug).
- Bildung der Schwarmtraube: Die Bienen setzen sich auf einen Ast, und dank der Nasonov-Drüse (die einen spezifischen Duft absondert) lotsen sie die verbleibenden Arbeiterinnen zum Aufenthaltsort der Königin.
Der “Gesang” der Königinnen und weitere Schwärme
Wenn die Schwarmstimmung anhält, kann das Volk weitere Schwärme (Nachschwärme) mit jungen, unbegatteten Königinnen aussenden.
- Tuten (Piping): Die erste geschlüpfte Königin läuft über die Waben und gibt hohe “ti-ti-ti”-Laute von sich.
- Quaken (Quacking): Die in den Weiselzellen eingeschlossenen Königinnen antworten ihr mit gedämpftem “qua-qua”. Die Bienen lassen sie absichtlich nicht heraus, um einen sofortigen Kampf zu vermeiden und den Auszug eines weiteren Schwarms zu ermöglichen.
Die Energiebilanz des Schwarms
Eine einzelne Biene verbraucht täglich bis zu 25% ihrer Körpermasse, während Bienen in der Schwarmtraube nur 1,5% ihrer Masse pro Tag verlieren. Dies ermöglicht es dem Schwarm, kalte Nächte zu überstehen und die für den schnellen Nestbau am neuen Standort notwendige Energie zu bewahren (sog. Schwarmenergie).